Die innerdeutsche Grenze

Zwischen April und Juli fanden 16 Küchentischtreffen mit Menschen aus unserer Gemeinde statt. Nach diesen interessanten und intensiven Wochen sowie den sommerlichen Pfadilagern der Töchter verbrachten wir Ferien an der Ostsee. Ruhig, erholsam, unaufgeregt – danach lag uns der Sinn. Dies traf durchaus auch zu. Doch so ganz unpolitisch waren die Tage dann halt doch nicht. Was als gemütliche Exkursion mit einem Hobby-Geologen entlang der Steilküste westlich von Boltenhagen geplant war, wurde nebst der – erfolgreichen – Suche nach Versteinerungen unversehens auch zum Spaziergang den Ruinen der innerdeutschen Grenze entlang. Auf den löchrigen Betonplatten des ehemaligen Grenzweges ging es zum Strand. Dort waren noch die Befestigungen der Scheinwerfer sichtbar, womit nachts die Küste beleuchtet worden war, damit auch niemandem die Flucht in den Westen gelingen sollte.

Die Ruinen der Grenzbefestigung sind heute zwar unter Brombeergestrüpp versteckt, doch im Gespräch tauchen fast dreissig Jahre nach Ende der DDR im Ostseebad Boltenhagen die Ausdrücke «vor der Wende» und «nach der Wende» immer wieder auf. Es hat mich erstaunt – und doch wieder nicht. Die Worte klangen manchmal bitter, manchmal schwang auch eine leise Sehnsucht mit, die dann aber postwendend weggewischt wurde. Doch wenn die Monatskarte für den Bus «damals» gleich viel gekostet hat wie die einfache Fahrt heute, so ist dies im Ansatz nachvollziehbar. Mir wurde bewusst, dass es mir dabei ein bisschen so ging, wie jenen Menschen, die unmittelbar nach der Wende dort aufgewachsen sind. Sie kennen «vor der Wende» nur vom Hörensagen und doch ist ein Grossteil der Menschen davon – noch immer – sehr stark geprägt.

Der Besuch in Lübeck führte mich dann auch ins Willy-Brandt-Haus, und dies war anschliessend eine gute Gelegenheit, im Strandkorb die Biografie dieses berühmten Sozialdemokraten zu lesen. Da wurde die deutsche Geschichte so richtig lebendig – und mir wiederum wurde bewusst, warum dreissig Jahre bei weitem nicht genügen, um Ausdrücke wie «vor der Wende» und «nach der Wende» verschwinden zu lassen.
In den letzten hundert Jahren ist in Deutschland so viel geschehen, so viele Ereignisse haben ganze Menschenleben geprägt und erschüttert, da ist die Zeit der späten achtziger Jahre noch keine ferne Vergangenheit. Im «Spiegel» von anfangs August schreibt der Journalist Jochen-Martin Gutsch gar von einer Nachwendezeit, die in vielen Gebieten der ehemaligen DDR noch Gegenwart sei.

So nehme ich aus den Ferien nebst viel Erholung im Strandkorb (übrigens ein sehr guter Schutz gegen Sonne, Wind und Wetter und die regelmässigen Schauer, die niedergehen) noch mit nach Hause, dass die gewaltsame innerdeutsche Grenze zwar baulich niedergerissen wurde, sie aber auch nach dreissig Jahren noch in vielen Köpfen festsitzt, weil es viel Zeit braucht, bis solche Verletzungen verheilen. Und dass wir gut daran tun, solche Grenzen nicht erst entstehen zu lassen. Nicht einmal ansatzweise.