Die Sensoren neu justieren

Neulich wollte ich mir zwischen zwei Terminen in einer Bäckerei ein Sandwich holen. Drei Personen waren drinnen erlaubt, weshalb ich rechtsumkehrt machte, als ich realisierte: Ich bin die vierte. Dabei stiess ich fast mit einer Frau hinter mir zusammen. Wir seufzten beide. Vermaledeites Virus.

Kommt Ihnen bekannt vor? Wir fühlen uns wohl alle gleich. Jene, die sich lautstark über die Massnahmen auslassen – seien sie ihnen zu streng oder zu lasch. Aber auch all jene, die sich schweigend daran halten. Die vergangenen Monate haben viel von uns verlangt. Die Nähe zu den Menschen, die uns lieb sind, erhielt einen schalen Beigeschmack. Ferienpläne mussten geändert werden, Hochzeiten verschoben, Geburtstage wurden nicht gefeiert, der Sportanlass, worauf wir monatelang trainiert hatten, wurde abgesagt. Nicht schlimm? Doch! Denn diese zwar nichtexistenzbedrohenden und doch schmerzhaften Erfahrungen sind der Quell eines leisen Grolls, der nun zuweilen an die Oberfläche dringt. «Mir möge jetz de nümm.»

Im Gespräch stelle ich immer wieder fest: Wir sind hin- und hergerissen. Es ist uns allen klar, dass viele berufliche Existenzen durch das Virus bedroht sind. Die von Bund und Kanton getroffenen Massnahmen bedeuten für viele Menschen eine Bedrohung. Sorgen und Angst – eine toxische Mischung. Wer nicht in dieser Situation ist, kann die Frustration und auch die Wut der Kunstschaffenden, Kleingewerbetreibenden und Profi-Sportvereine einerseits nachvollziehen – aber eben doch nur halb, denn die Gesundheit geht doch vor, nicht wahr? Ich lernte im Kontakt mit den Mitarbeitenden, aber auch mit den Bürgerinnen und Bürgern, dass sich die Angst der Menschen ganz unterschiedlich äussert. Die einen werden laut, die anderen leise. Manchmal stutzte ich, wollte konsterniert reagieren und erinnerte mich, dass es wohl nicht so gemeint gewesen war. Auch meine zwischenmenschlichen Sensoren musste ich neu justieren, was unter normalen Bedingungen galt, gilt unter den jetzigen sehr oft nicht mehr.

Ich habe kein eigenes Rezept, wie wir locker durch die kommenden Monate kommen. Also halte ich mich strikte an die verordneten Massnahmen: Ich halte Abstand, trage Masken und wasche mir regelmässig die Hände mit Seife. Gleichzeitig wird mir immer klarer: Corona darf nicht alles andere verdrängen. Wir dürfen andere physische Krankheiten, aber auch Risiken und Veränderungen, die unsere Gesellschaft herausfordern, nicht ausser Acht lassen. Denn Angst lähmt und ist ein schlechter Ratgeber. Die verordneten Massnahmen sind die Leitplanken, innerhalb derer doch noch viel möglich ist. Wenn nicht mehr «Geht nicht» dominiert, sondern «Wie machen wir das?», ist die Sicht eine andere. Sie gibt die Energie, die kommenden Monate zu gestalten, statt sie einfach hinter uns zu bringen.